Zugfahren in Großbritannien
10 Tage Interrail-Ticket in Großbritannien. Ich glaube, viel mehr als wir, kann man das Ticket auch nicht nutzen. Und weil ja wirklich viel über das deutsche Bahnsystem geschimpft wird, habe ich hier mal ein bisschen zusammen geschrieben, wie ich das System in UK so wahrgenommen habe. Ganz persönlich.
Kurz vorweg:
Das hier ist eher ein persönlicher Einblick. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder so. 10 Tage sind natürlich auch nur 10 Tage. Also dieser Beitrag ist durchaus mit der entsprechenden Vorsicht zu lesen. 🤗 Und noch eine weitere (durchaus große) Einschränkung: Wir hatten einen Interrail-Pass für die erste Klasse. Aus verschiedenen Gründen (könnt ihr hier nachlesen), aber in Großbritannien macht das schon auch nochmal einen großen Unterschied aus. Die Bahn-Tickets sind dort grundsätzlich ganz schön teuer und entsprechend wenig Leute fahren erste Klasse. Service wird in Großbritannien ja grundsätzlich ziemlich groß geschrieben. In der ersten Klasse merkt man das wirklich sehr. Aber dazu später mehr.

Ein paar Recherche-Ergebnisse
Großbritannien hat das älteste Eisenbahnnetz der Welt. 1825 wurde die erste Strecke eröffnet – die erste Eisenbahn in Deutschland fuhr 10 Jahre später zwischen Nürnberg und Fürth.
Das Bahnsystem ist dem deutschen Bahnsystem doch in einigen Punkten ziemlich ähnlich. Das Schienennetz wird von Güterverkehr (in Großbritannien deutlich weniger, als in Deutschland), Nahverkehr und Fernverkehr gemeinsam genutzt. Großbritannien hat gut 16.000 km Schienen (Deutschland hat mehr als doppelt so viel), von denen gut 1/3 elektrifiziert ist (in Deutschland ist gut die Hälfte des Netzes elektrifiziert).
Nach der Erfindung der Eisenbahn haben sich in Großbritannien mehr als 100 unterschiedliche Betreiber gegründet. Die wurden zuerst zu vier großen Gesellschaften zusammengefasst und 1948 vollständig verstaatlicht. Von 1994 bis 1997 wurden sie wieder schrittweise privatisiert. Aber: sie werden staatlich subventioniert. Der Staat legt also die Leistung fest, die erbracht werden muss und dann gibts im Gegenzug Unterstützung, wenn die Unternehmen dem nachkommen.
Das Schienen-Netz ist übrigens in einer nicht gewinnorientierten Gesellschaft (Network Rail) organisiert. Also nicht so richtig verstaatlicht, aber irgendwie doch in öffentlicher Hand. Die Gewinne (z.B. durch Trassenpreise oder Vermietung von Gewerbeflächen in Bahnhöfen) müssen von Network Rail vollständig in das Bahnnetz investiert werden.
Insgesamt wird aber in Großbritannien inzwischen die Privatisierung wieder schrittweise rückgängig gemacht. Die Labour Partei möchte sich mit den „Great British Railways“ wieder von der Privatisierung abkehren und Betrieb und Infrastruktur stärker bündeln. Also so ganz zufrieden scheinen die Briten mit ihrem Konzept auch nicht zu sein. 🙈
So. Genug generdet. 🤓 Zurück zum konkreten Zugverkehr.
Der erste Eindruck
An sich kann man genau wie in Deutschland Fernverkehr oder Nahverkehr fahren. Die Infrastruktur ist nicht perfekt, aber zumindest gefühlt nicht so anfällig wie in Deutschland. Wobei… Wir hatten auch einen kaputten Bahnübergang, einen Böschungsbrand, zu volle Gleise, Verspätung, kurzfristigen Gleiswechsel, Personen im Gleis, einen Notarzteinsatz auf der Strecke, verspätetes Personal, Verspätung aus vorheriger Fahrt, technischen Defekt an einem anderen Zug, Signalstörung und einen verspäteten Regionalzug vor uns. All das verursacht nicht nur in Deutschland Verspätung. 🙈
Aber: Das Erste, was auffällt, ist, dass es in Großbritannien viel mehr — und grundsätzlich auch viel freundlicheres — Personal gibt. 😁 Die Gleise werden meist erst kurz vor Abfahrt des Zuges bekannt gegeben (die KI sagt, dass das an der geringen Gleisverfügbarkeit liegt. Keine Ahnung, ob das stimmt). So gibt es an einigen Bahnhöfen große Menschentrauben in der Eingangshalle, aber dann auch eigentlich immer viele Sitzgelegenheiten.

Und da fangen dann auch schon die Vorteile des 1.-Klasse-Tickets an: An den größeren Bahnhöfen gibt es First Class Lounges. Die sind immer von einem der Eisenbahnunternehmen. Man braucht dann auch das Ticket vom richtigen Unternehmen, aber an dem Bahnhof fahren dann normalerweise auch vor allem Züge von dem entsprechenden Unternehmen. Und mit einem Interrail-Pass lässt sich das ja auch sowieso einrichten… 😉
Die Lounges sind meist recht unspektakulär, aber doch auch sehr unterschiedlich. Und nicht nur einmal war die Lounge wegen Personalmangel geschlossen. Es gibt eigentlich immer kalte und heiße Getränke und ein paar Snacks. Und entspannte Sitzplätze — meistens mit USB-Steckdosen. Man kann also auch ohne Adapter laden. 😊 Die Lounge in London Euston bietet sogar „richtiges“ Essen, also beispielsweise belegte Brötchen. In Cardiff hingegen erinnert die Lounge eher an einen Mitarbeiter-Pausenraum, den man mitbenutzen darf. Getränke, Chips und Kekse gabs aber trotzdem. 😊
Insgesamt ist die First Class Lounge aber eher als komfortabler Warteraum gedacht — nicht, um dort zu essen. Das Essen gibts nämlich im Zug, aber dazu später mehr.

Das Zugfahren an sich
Wenn man weiß, auf welchem Gleis der Zug abfährt, kann man mit den restlichen Menschen dorthin gehen. Das Ticket wird meistens bei Betreten des Bahnsteigs schon mal kontrolliert (bisschen nervig, denn der Interrail-Pass kann von den automatischen Gates nicht gelesen werden. Man muss also jedes Mal einen Mitarbeitenden ansprechen, damit der einen dann reinlässt. Und beim Verlassen des Bahnsteigs bei Ankunft dann auch nochmal. 🙄)
In Großbritannien gibt es keine Reservierungspflicht. Aber es gibt kostenlose Reservierungen am Schalter – und in der jeweiligen App des Betreibers. Dementsprechend reisen die meisten auch mit Reservierung. In den Zügen gibt es aber auch ein paar Sitzplätze, die nicht reserviert werden können. Wir haben uns meist so spontan für einen Zug entschieden, dass wir dann einfach ohne Reservierung gefahren sind. War trotz der Hauptreisezeit im Sommer in den seltensten Fällen ein Problem (in der ersten Klasse. Ich glaube, in der zweiten Klasse hat man die Reservierung deutlich mehr gebraucht).

Ich finde die Reservierungsanzeigen (also viele der Reservierungsanzeigen) übrigens viel sinnvoller, als in Deutschland. Die sind natürlich bei jedem Betreiber und jedem Zugmodell ein bisschen anders – ist in Deutschland auch nicht anders. Die meisten Reservierungsanzeigen zeigen aber wie im ICE 3 Neo auch ein Farb-System an. Und: sie zeigen nicht nur die aktuelle Reservierung an, sondern auch noch die, die danach kommt. So weiß man auch, ob man spontan noch einen Halt weiter fahren kann, oder ob der Platz danach reserviert ist.

Die Züge in London wurden alle schon deutlich vor der Abfahrt bereitgestellt und sonst hatten sie eigentlich auch immer ein paar Minuten Aufenthalt, sodass das Ein- und Aussteigen ganz entspannt funktioniert hat (auch mit vielen Menschen mit vielen Koffern oder Kinderwagen und Rollstühlen). Liegt aber bestimmt auch an der Mentalität der Briten. Dort gibt es kein Gedrängel. Man stellt sich brav in eine Schlange und wartet, bis man dran ist. Erst steigen alle aus, dann steigen alle ein und wenn die Rollstuhl-Rampe aufgebaut wird, hat das Vorrang und die Einsteigenden warten, bis die Rollstuhlrampe auf- und dann später auch wieder abgebaut wird. Klingt sehr nach Klischee, ist aber halt echt so und ich finde, wir „ordnungsliebende Deutsche” sollten uns da echt mal ne Scheibe von abschneiden.
Wenn man dann in der ersten Klasse eingestiegen ist, wird man normalerweise schon an der Tür freundlich begrüßt und dann bekommt man sogar oft schon vor der Abfahrt das Menü gebracht oder es werden zumindest schon mal die Getränkewünsche abgefragt. Das ist nämlich der sehr große Unterschied der First Class: Es gibt in den Fernverkehrszügen fast immer eine eigene Küche mit eigenem Personal für die erste Klasse und kostenloses Essen und Trinken. Die Qualität dabei ist sehr unterschiedlich, denn jeder Betreiber hat seine eigene Speisekarte. Aber das meiste Essen war wirklich richtig lecker!

Einmal hat das Lachs-Gericht zu lange gebraucht, bis er warm war. Da sind wir dann einfach eine Station weiter gefahren. 😅 Beim nächsten Mal haben wir dann vorher Bescheid gesagt, dass wir am nächsten Halt in gut 20 Minuten wieder raus müssen. Da hat uns der freundliche Mitarbeiter erklärt, welche Gerichte wir wählen könnten, weil er sie schon auf seinem Service-Wagen dabei hat. Dann hat er sich noch entschuldigt, dass er es nicht mehr schafft, uns ein warmes Gericht zuzubereiten. Und uns ein paar Kekse mehr hingelegt. 😊

Ein anderes Mal gab es kein Wasser im Bistro. Da hat die freundliche Mitarbeiterin dann auch erklärt, welche Gerichte sie nicht zubereiten kann. Und hat sich entschuldigt, dass es keine frischen Zitronen und kein angerichtetes Essen gibt, weil sie sich in der Küche nicht anständig die Hände waschen kann.
Und einmal hatten wir kein Gastro-Personal in der ersten Klasse dabei. Da hat die Zugchefin einfach geschaut, was sie noch in der Küche findet, und das dann auf die Gäste in der ersten Klasse aufgeteilt. Als ich dann ins Boardbistro gegangen bin, um mir meinen Tee abzuholen – was übrigens super entspannt ging – wollten sie mir dort noch die Sandwiches mitgeben, damit wir ja nicht verhungern. Da habe ich dann freundlich abgelehnt. Ich habe mich eh schon viel zu freundlich behandelt gefühlt mit den ganzen Snacks auf dem Tisch. Und sooo gut sahen die Sandwiches dann auch echt nicht aus 🙈

Übrigens ist der Takt auf vielen Strecken so gut, dass wir nicht nur einmal beschlossen haben, dass wir doch noch ein bisschen Hunger haben. Dann sind wir an der nächsten Station ausgestiegen, haben ein paar Minuten gewartet (oder nochmal ne Runde vor dem Bahnhof gedreht), sind in den nächsten Zug eingestiegen und haben uns dort nochmal von vorne bedienen lassen. 😁
Barrierefreiheit
Ich weiß, ich hab da so bisschen mehr ein Auge drauf, als viele andere (Berufskrankheit…) ABER: Ich finds krass, wie viel Wert die Briten auf Barrierefreiheit legen!
Also zurück zur aktuellen Barrierefreiheit: Es gibt an gefühlt jedem Bahnhof Assisted Travel Meeting Points. Da sitzt ein Mitarbeiter, der die Menschen, die Hilfe benötigen, in Empfang nimmt und sie an das zuständige Personal weitervermittelt. Häufig ist da auch noch ein kleiner abgeschirmter Warteraum, wo die Personen mit Unterstützungsbedarf in Ruhe warten können.

An sehr vielen Bahnhöfen sind die Infos auch in BSL verfügbar (wie schade, dass ich die britischen Gebärden gar nicht richtig verstehe…) und alle Störungs- und Baustelleninfos gibt es auch als BSL-Video.

An den Bahnsteigen gibt es verschiedene Rollstuhlrampen für die verschiedenen Zugmodelle. In den Zügen sind auch noch welche, aber durch das viele Personal am Bahnsteig geht das schneller, wenn man die Rampen vom Bahnsteig nutzt. Übrigens habe ich nur Züge gesehen, die sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Klasse mindestens einen Rollstuhlplatz hatten.
Und in einigen Zügen gab es auch tastbare Lagepläne der barrierefreien Toilette neben der Toilettentür.

Ich nehme das jetzt halt alles gar nicht in Anspruch. Also keine Ahnung, ob die Bemühungen wirklich den Bedürfnissen entsprechen. Aber es nimmt zumindest deutlich mehr Raum ein, als in Deutschland. Das ist auf jeden Fall schon mal eine gute Entwicklung. Und aus meiner informierten nicht-Betroffenen-Sicht finde ich das schon auch deutlich hilfreicher, als in Deutschland.
Bahn-Chaos
Ach ja. Eine Bahnfahrt wäre nichts ohne ein echtes Bahnchaos. Und so wäre es doch bisschen komisch, wenn in 10 Tagen Bahnfahren alles klappen würde… Aber wir hatten einige Probleme. Und die Verspätungsgründe kamen mir alle bekannt vor: Notarzteinsatz auf der Strecke, Böschungsbrand, Verspätung eines vorausfahrenden Zuges, belegte Gleise, verspätetes Personal, technische Störung an einem anderen Zug. Und einmal hatten wir das alles an einem Tag 🫣

Am Schluss hatten wir so 2,5 Stunden Verspätung. Auf einer Strecke, die man auch in 1,5 Stunden zurücklegen könnte. Wir hatten uns gegen die Direktverbindung entschieden, weil die Züge dort keine erste Klasse haben und die zweite Klasse überall ziemlich voll war. Und auf einen überfüllten Zug ohne erste Klasse hatten wir dann wirklich keine Lust. Also hatten wir uns eine Verbindung rausgesucht, die einen kleinen Umweg fährt – mit einem Umstieg – und dann in gut 2,5 Stunden in Birmingham sein sollte. Haben wir halt jetzt doppelt so lang gebraucht… 🙈
Naja. Wir hatten ja keinen Termin, also alles nicht so schlimm. Aber: Irgendwann waren dann auch alle Infos weg. Da standen dann keine „expected“-Zeiten mehr an der Tafel, sondern nur noch „delayed“. Das Konzept fand ich am Anfang super. In Deutschland wird da ja die Prognose ständig angepasst. Alle 5 Minuten gibt’s 5 Minuten drauf oder so. Das ist hier anders. Wenn der Zug auf unbestimmte Zeit irgendwo steht, hat er eben keine erwartete Abfahrtszeit. Da kann man dann ganz anders planen (auf einen unbestimmt verspäteten Zug warte ich nicht unbedingt. Auf einen Zug, der immer 5 Minuten mehr bekommt, warte ich dann wahrscheinlich viel länger und ärgere mich dann am Schluss, dass er dann irgendwann doch ausfällt). Wobei das Nachschauen und Umplanen an sich auch häufig sehr schwierig ist, weil das Internet in Großbritannien super oft nicht richtig funktioniert.
Irgendwann war es dann aber schon echt anstrengend. Es waren dann so ziemlich alle Züge in unsere Richtung nur noch auf unbestimmte Zeit verspätet. Und dann hat man auch gar keinen Richtwert mehr, wie viel später man jetzt eigentlich mit dem Zug rechnen kann. Dafür braucht man dann wieder eine eigene App, in der man schauen kann, wo der Zug eigentlich steckt. Für den nächsten Zug am Gleis wird das meistens auch angezeigt, aber für die danach dann nicht mehr.
Und irgendwann haben dann nicht nur die Echtzeitdaten aufgegeben. Auch die BSL-Übersetzung hat dann bei einigen Zügen nicht mehr funktioniert. Genau hab ich das nicht verstanden (kann leider keine britischen Gebärden), aber da wurde immer irgendwas gebärdet von: „Übersetzung in BSL geht nicht. Sorry!“
Aber gerade in diesem großen Informations-Chaos kommt der große Unterschied zu Deutschland: Die Personaldichte und die ständige Kommunikation. Am Bahnsteig wurden dann extra Menschen abgestellt, die einem erklären konnten, wie man am besten fahren kann. Es gab Durchsagen, welche Alternativen man einfach mit dem gleichen Ticket fahren kann und bei welchen man einen Staff-Member fragen soll, damit der einem ein alternatives Ticket bei einem anderen Betreiber buchen kann. Und das macht dann irgendwie doch den Unterschied zu Deutschland, wo man mit Sicherheit keinen Mitarbeiter mehr findet, sobald man mehr als 5 Minuten Verspätung hat. 😅
Irgendwann haben wir dann doch noch einen Zug bekommen und waren sehr froh, dass wir erste Klasse fahren konnten. Die zweite Klasse war sowieso schon voll, weil alle ins Wochenende fahren wollten. Und dann sind ja auch noch so viele Züge ausgefallen. Da standen die Leute im Gang und saßen auf dem Boden, während wir ganz entspannt auf unseren Luxussitzen saßen und uns geärgert haben, dass wir erst fürs Essen zahlen sollten und uns im zweiten Zug dann gar kein Essen mehr angeboten wurde. 😅 Was sind wir verwöhnt…
